Glücksspielsucht - Selbsthilfeportal und App für Menschen mit Glücksspielproblemen
Internetbasierte Selbsthilfe für Menschen mit problematischem Glücksspielverhalten
Dr. Swantje Borsutzky
Montag, 13.07.2026
Warum internetbasierte Interventionen bei problematischem Glücksspielverhalten?
Glücksspielsucht gilt als eine „heimliche“ Störung, da nur etwa 10 % der Betroffenen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Gründe hierfür sind unter anderem eine geringe Krankheitseinsicht, ausgeprägte Schamgefühle sowie die Angst vor Stigmatisierung oder Verurteilung (Haß & Lang, 2016; Slutske et al., 2009; Dąbrowska et al., 2017). Internetbasierte Interventionen bieten in diesem Zusammenhang ein niedrigschwelliges, kostengünstiges, ressourcenschonendes, flexibel einsetzbares und anonymes Unterstützungsangebot (Andersson et al., 2019). Sie können dazu beitragen, den Zugang zu therapeutischer Hilfe für eine größere Zahl Betroffener zu erleichtern.
Studien zeigen, dass die Wirksamkeit begleiteter internetbasierter Programme mit klassischer Präsenzpsychotherapie vergleichbar ist (Carlbring et al., 2018). Unbegleitete Programme weisen tendenziell geringere Effektstärken auf, bieten jedoch aufgrund ihrer hohen Skalierbarkeit und Kosteneffizienz ein erhebliches Potenzial für eine bessere Versorgung (Karyotaki et al., 2021). Für Angststörungen und Depressionen ist die Wirksamkeit internetbasierter Interventionen bereits gut belegt (Andersson et al., 2019). Im Bereich des problematischen Glücksspielverhaltens ist die Studienlage bislang heterogener (Rodda et al., 2022). Eine Metaanalyse zu internetbasierten Behandlungen von Glücksspielproblemen berichtet einen mittleren Effekt (Hedges’ g = 0,47) in Studien mit Kontrollgruppe (N = 9; Sagoe et al., 2021).
Online-Selbsthilfeprogramm Neustart
Neustart ist ein kostenloses, werbefreies und anonymes Trainingsprogramm zur Bewältigung problematischen Glücksspielverhaltens. Das Programm umfasst ein Eingangsmodul zum Motivationsaufbau sowie elf thematische Module, die sich unter anderem mit Selbstwert, Aktivitätsaufbau, Denkverzerrungen, Spieldrang, Schuldenregulierung und Sportwetten befassen. Die Inhalte werden mittels Psychoedukation (Text- und Videomaterial) sowie praxisnahen Übungen wie interaktiven Aufgaben, Audios und Arbeitsblättern vermittelt.
Das Programm basiert auf Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie, metakognitiven Trainings, achtsamkeitsbasierten Ansätzen sowie dem Motivational Interviewing. Ziel ist es, Teilnehmenden wirksame Selbsthilfetechniken zu vermitteln, um sowohl emotionale Belastungen als auch glücksspielbezogene Probleme besser bewältigen zu können. Empfohlen wird eine regelmäßige Nutzung von ein bis zwei Einheiten pro Woche. Zwischen den Einheiten sollten bewusst Pausen eingeplant werden, um Überforderung zu vermeiden und die Konzentration aufrechtzuerhalten.
Neustart folgt einem Selbsthilfeansatz. Bei Fragen zum Programm besteht die Möglichkeit, Kontakt zu Moderator:innen aufzunehmen, ohne dass eine therapeutische Intervention erfolgt. Aktuell verzeichnet das Programm etwa 1 000 aktive Nutzer:innen sowie rund 37 tägliche Website-Besuche.
COGITO
COGITO ist eine kostenlose, werbefreie und anonyme Smartphone‑App für iOS und Android, die ergänzend zu Neustart genutzt werden kann. Sie bietet verschiedene Programmpakete, unter anderem zu Depression, Glücksspiel und Schlafproblemen. Die Inhalte basieren auf Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) sowie auf Ansätzen der sogenannten dritten Welle, darunter das Metakognitive Training (MKT) nach Moritz, die metakognitive Therapie nach Wells und die Akzeptanz‑ und Commitment‑Therapie (ACT) nach Hayes.
Die App enthält verschiedene Personalisierungs- und Gamification-Elemente zur Förderung der Adhärenz, darunter Medaillen für absolvierte Übungen (Bronze, Silber, Gold), eine visuelle Fortschrittsdarstellung sowie Funktionen zur Erstellung, Anpassung und Favorisierung eigener Übungen und zur Einrichtung täglicher Erinnerungen.
COGITO ist derzeit in 17 Sprachen verfügbar, darunter Englisch, Arabisch, Türkisch und Ukrainisch. Bislang wurden vier randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) publiziert, die eine Steigerung des Selbstwerts sowie eine Reduktion depressiver Symptome nachweisen konnten (Bruhns et al., 2021, 2023; Lüdtke et al., 2018; Moritz et al., 2024). Bis Januar 2026 wurde die App rund 189 000‑mal heruntergeladen.
Ergebnisse randomisiert kontrollierter Studien zu Neustart und COGITO
Zur Evaluation des Programms Neustart wurden mehrere randomisiert kontrollierte Studien durchgeführt. In einer ersten Studie wurde die initiale Version des Programms in einer Stichprobe von 150 Personen mit selbstberichteter Glücksspielsymptomatik untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass insbesondere Teilnehmende mit ausgeprägteren Glücksspiel- und depressiven Symptomen, höherem Alter sowie komorbiden Angstsymptomen durch die Nutzung von Neustart im Vergleich zu einer Wartekontrollgruppe signifikante Verbesserungen erzielten. Zudem wurde das Programm positiv bewertet: 96,5 % der Teilnehmenden empfanden Neustart als hilfreich (Bücker et al., 2021).
In einer weiteren durchgeführten Studie wurde eine optimierte Version von Neustart untersucht. Die Programmerweiterungen umfassten zwei neue Module (Motivationsaufbau und Sportwetten), ein überarbeitetes Layout sowie die Einführung von Charakteren, die Nutzer:innen anhand kurzer Fallbeispiele und Illustrationen durch das Programm begleiteten. Zusätzlich wurde Neustart durch die Smartphone-App COGITO ergänzt.
Die Studie schloss eine größere Stichprobe von 245 Personen mit Glücksspielproblemen ein. Die Ergebnisse zeigten signifikante Verbesserungen des Drangs und der Gedanken an das Glücksspiel sowie des Glücksspielverhaltens. Darüber hinaus kam es zu einer Reduktion depressiver Symptome und einer Abnahme der Schwere der Glücksspielsymptomatik. Die beobachteten Effekte lagen im mittleren bis großen Bereich (Rolvien et al., 2024).
Literaturhinweise:
Andersson, G., Titov, N., Dear, B. F., Rozental, A., & Carlbring, P. (2019). Internet-delivered psychological treatments: From innovation to implementation. World Psychiatry, 18(1), 20–28. https://doi.org/10.1002/wps.20610
Bruhns, A., Baumeister, A., Demeroutis, G., Jahn, H., Willenborg, B., Shaffy, A., Moritz, S., & Bücker, L. (2023). A mobile-based aftercare intervention to increase self-esteem in inpatients diagnosed with depression: A randomized controlled trial. Psychotherapy Research, 33(6), 783–802. https://doi.org/10.1080/10503307.2022.2157226
Bruhns, A., Lüdtke, T., Moritz, S., & Bücker, L. (2021). A mobile-based intervention to increase self-esteem in students with depressive symptoms: Randomized controlled trial. JMIR mHealth and uHealth, 9(7), e26498. https://doi.org/10.2196/26498
Bücker, L., Gehlenborg, J., Moritz, S., & Westermann, S. (2021). A randomized controlled trial on a self-guided internet-based intervention for gambling problems. Scientific Reports, 11, 13033. https://doi.org/10.1038/s41598-021-92242-8
Carlbring, P., Andersson, G., Cuijpers, P., Riper, H., & Hedman-Lagerlöf, E. (2018). Internet-based vs. face-to-face cognitive behavior therapy for psychiatric and somatic disorders: An updated systematic review and meta-analysis. Cognitive Behaviour Therapy, 47(1), 1–18. https://doi.org/10.1080/16506073.2017.1401115
Dąbrowska, K., Moskalewicz, J., & Wieczorek, Ł. (2017). Barriers in access to the treatment for people with gambling disorders: Are they different from those experienced by people with alcohol and/or drug dependence? Journal of Gambling Studies, 33(2), 487–503. https://doi.org/10.1007/s10899-016-9655-1
Haß, W., & Lang, P. (2016). Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland: Ergebnisse des Surveys 2015 und Trends. Ergebnisbericht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
Karyotaki, E., Efthimiou, O., Miguel, C., Bermpohl, F. M. G., Furukawa, T. A., Cuijpers, P., … Forsell, Y. (2021). Internet-based cognitive behavioral therapy for depression: A systematic review and individual patient data network meta-analysis. JAMA Psychiatry, 78(4), 361–371. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2020.4364
Lüdtke, T., Pult, L. K., Schröder, J., Moritz, S., & Bücker, L. (2018). A randomized controlled trial on a smartphone self-help application (Be Good to Yourself) to reduce depressive symptoms. Psychiatry Research, 269, 753–762. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.113
Moritz, S., Grudzień, D. P., Gawęda, Ł., Aleksandrowicz, A., Balzan, R., Shaffy, A., Bruhns, A., Borsutzky, S. M., & Rolvien, L. (2024). A randomized controlled trial on COGITO, a free self-help smartphone app to enhance mental well-being. Journal of Psychiatric Research, 174, 254–257. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2024.04.021
Rodda, S. N. (2022). A systematic review of internet delivered interventions for gambling: Prevention, harm reduction and early intervention. Journal of Gambling Studies, 38(3), 967–991. https://doi.org/10.1007/s10899-021-10070-x
Rolvien, L., Buddeberg, L., Gehlenborg, J., Borsutzky, S., & Moritz, S. (2024). A self-guided internet-based intervention for the reduction of gambling symptoms: Results of a randomized clinical trial. JAMA Network Open, 7(6), e2417282. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2024.17282
Sagoe, D., Griffiths, M. D., Erevik, E. K., Høyland, T., Leino, T., Lande, I. A., Sigurdsson, M. E., & Pallesen, S. (2021). Internet-based treatment of gambling problems: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Behavioral Addictions. https://doi.org/10.1556/2006.2021.00062
Slutske, W. S., Blaszczynski, A., & Martin, N. G. (2009). Sex differences in the rates of recovery, treatment-seeking, and natural recovery in pathological gambling: Results from an Australian community-based twin survey. Twin Research and Human Genetics, 12(5), 425–432. https://doi.org/10.1375/twin.12.5.425




